Ist der Mensch im Grunde gut, Rutger Bregman?
Nach seinem Bestseller "Im Grunde gut" präsentiert Rutger Bregman sein neues Buch "Moralische Ambition". Darin inspiriert er Menschen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv für eine bessere Zukunft zu handeln – zum eigenen Wohl und für die Gesellschaft.
'Leben jetzt': In Ihrem Buch „Im Grunde gut“ beschreiben Sie, warum Sie den Menschen für ein Wesen halten, das auf Zusammenhalt, Kooperation und ein gesundes Miteinander angelegt ist. Jetzt ist „Moralische Ambition“ erschienen, und Ihre Grundhaltung hat sich nicht verändert: Was ist diese ethische Triebkraft, die Sie da beschreiben – und warum glauben Sie, dass sie in uns allen angelegt ist?
Rutger Bregman: In meinem Buch betrachte ich Pioniere und Erfinder, die erfolgreich ihre Gesellschaft verändert haben, darunter die Abolitionisten, die im 19. Jahrhundert in den USA den Sklavenhandel abschafften, und die Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien das Wahlrecht für Frauen erkämpften. Ich versuche zu verstehen, was wir von ihnen lernen können, denn wir brauchen als Gesellschaft heute Menschen mit solch einer Haltung, vielleicht mehr als je zuvor. „Im Grunde gut“ war ein hoffnungsvolles Buch, aber bei der Arbeit daran habe ich festgestellt, dass zu viel Optimismus dazu führen kann, dass uns der Antrieb fehlt – „es wird ja eh gut gehen“. Wichtig ist heute entschlossenes Handeln. Dazu möchte ich mit „Moralische Ambition“ anregen.
Lj: Wie ist es aktuell um die moralischen Ambitionen in unserer Gesellschaft bestellt?
Bregman: Viele Menschen sind frustriert, wenn sie sich anschauen, wer bei uns die Impulse vermittelt: Wir haben gut ausgebildete Abgänger von Eliteuniversitäten, die dann in Unternehmensberatungen landen und großen Unternehmen helfen, noch größer zu werden und noch mehr Geld zu machen. Das kann Menschen zynisch machen, und Zynismus brauchen wir am allerwenigsten.
Lj: Und wie sieht Ihr Gegenentwurf aus?
Bregman: Im Grunde brauchen wir eine moralische Revolution. John F. Kennedy hatte recht, als er sagte: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann – frag, was du für dein Land tun kannst.“ Der Liberalismus versichert uns, dass wir alle Freiheiten haben, die wir haben wollen, aber wir müssen wieder anfangen, über Pflichten zu sprechen. Eine Freiheit ohne Pflichten ist leer. Jenseits eines Nutzens für die Gemeinschaft: Bringt das moralisch geprägte Handeln auch dem Einzelnen selbst etwas?
Wenn du dich für andere engagierst, wirst du feststellen: Du selbst hast dann auch ein besseres und sinnvolleres Leben. Viele Menschen bekommen heute einen Burn-out, und sie sind nicht nur körperlich oder psychisch ausgebrannt. Sie fühlen sich leer, weil sie jeden Tag unglaublich viel tun, aber sie wissen nicht, wofür sie es tun. Das höhlt einen Menschen aus.
Lj: Manche Menschen könnten Ihre Ideen für radikal halten. Sollten wir unsere Pläne noch mal hinterfragen, wenn unser Umfeld findet, dass wir zu weit gehen?
Bregman: Manchmal hört man so Sätze wie „Kleiner ist schöner“ oder „Weniger ist mehr“. Bei meinen Recherchen habe ich aber festgestellt, dass mehr tatsächlich mehr ist. Wenn du einem Menschen hilfst, hilfst du einem Menschen. Wenn du zwei Menschen hilfst, erhöhst du die Wirkung deines Tuns um 100 Prozent. Wir sollten die Ziele von Anfang an groß denken. Ob es das Ende der Sklaverei war, das Wahlrecht für Frauen oder jüngere Errungenschaften wie die Ehe für alle: Sie alle gingen zurück auf Ideen, die anfangs als unglaublich radikale Fantasien galten – und die von kleinen Gruppen von Bürgern beharrlich verfolgt wurden, bis das Ziel erreicht war.
Lj: Wenn Sie recht haben mit Ihrem positiven Bild vom Menschen, dann müsste die Welt ja eigentlich ständig besser werden …
Bregman: Vieles wird auch besser, aber das darf kein Grund sein, es uns gemütlich zu machen. Heute leben immer weniger Menschen in extremer Armut, die Gesundheit der Bevölkerung verbessert sich in vielen Ländern, aber es gibt noch so viel zu tun. Weltweit sterben viele Kinder an Unterernährung, die sich leicht vermeiden ließe, es kann wieder zu einem Atomkrieg kommen, gleichzeitig bedroht die Klimakatastrophe uns alle. Wir alle sind aufgerufen, uns für unsere Zukunft einzusetzen.
Lj: Was muss ich mitbringen, um etwas zu verändern?
Bregman: Eine Sehnsucht nach einer besseren Welt. Die Amerikanerin Rosa Parks, eine der Ikonen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung aus den Fünfzigern, war Schneiderin; Lech Wałęsa, der die Solidarność-Bewegung im Polen der Achtzigerjahre angeführt hat, war Elektriker: Moralische Ambition kann für jeden Menschen ein Ideal sein.
Lj: Viele fühlen sich von den Problemen auf der Welt überwältigt. Welchen Rat geben Sie Menschen, die etwas ändern wollen, sich aber ohnmächtig fühlen gegenüber den großen globalen Themen?
Bregman: Einfach irgendwo anfangen, und sei es nur mit einer Kleinigkeit – oft staunen Menschen, wie weit sie dann kommen.
Von gut gemeint zu gut gemacht
Der niederländische Geschichtswissenschaftler und Autor Rutger Bregman, 1988 geboren, vertritt in seinen Büchern ein positives Bild vom Menschen: In Im Grunde gut argumentiert er anhand von historischen Beispielen und wissenschaftlichen Quellen, dass wir uns in unserer geschichtlichen Entwicklung durchaus zum Guten entwickelt haben und das auch weiterhin tun (Rowohlt, 480 Seiten, 15 Euro).
Nach seiner Einschätzung neigten Menschen häufig dazu, negative Ereignisse besonders stark zu beachten – ein Mechanismus, der durch den Konsum von Nachrichten, die oft schlechte Nachrichten seien, verstärkt werde. In seinem neuen Buch Moralische Ambition geht Bregman noch einen Schritt weiter und ermutigt die Leser, ihre Wertvorstellungen in aktives Handeln umzusetzen und damit echte Veränderungen hervorzurufen (Rowohlt, 336 Seiten, 26 Euro).
Es ist eine fordernde, weil auffordernde Lektüre: Bregman nimmt sein Publikum ernst, er unterstellt den Lesern einen echten Willen, etwas zu bewegen, und er hält sich nicht mit akademischen Betrachtungen auf, sondern hilft, aus der Behäbigkeit des Eventuellen ins Handeln zu kommen. Seine „School for Moral Ambition”, die „Schule für moralische Ambition”, ist ein Netzwerk für die produktiv Unzufriedenen; sie treffen sich online und offline in moderierten Gruppen, sogenannten Circles.
Wer an einem Meeting teilnehmen will, registriert sich unter moralambition.eu/de