‚Leben jetzt': Was haben Sie auf Ihrer Reise gelernt?
Wladimir Kaminer: In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat das Essen eine ganz besondere Bedeutung. In dieser Zeit der zerbröselnden Gesellschaften, wo die Menschen kaum noch etwas miteinander zu tun haben, nicht mehr analog, sondern überwiegend online kommunizieren, ist Essen beinahe das Einzige, was sie eint. Beim Essen können sie noch Gesellschaft erleben.
Lj: Haben Sie ein Beispiel?
Kaminer: In der französischsprachigen Schweiz waren wir zu einem Raclette-Abend eingeladen. Unsere Gastgeber sprachen nur Französisch, wir leider nicht. Nach zwei Stunden Raclette und ein paar Gläsern Weißwein haben wir uns wunderbar verstanden.
Lj: Wie schmeckt denn die Schweiz für Sie?
Kaminer: Würzig-käsig und schokoladig-bitter. In Zürich habe ich ein Frauenkollektiv getroffen, das jedes Jahr nach Venezuela fliegt, um bei den dortigen Bauern Kakaobohnen zu kaufen. Sie zahlen dafür das Doppelte, was andere faire Händler bieten, und machen daraus, wie ich finde, die beste Schokolade der Welt. Nur bittere Schokolade macht wirklich glücklich.
Lj: Welches Land hat für Sie eine ganz besondere Esskultur?
Kaminer: Österreich. Die Österreicher haben erkannt, dass man mit Essen sehr komplexe Lebensinhalte weitergeben kann. Das Essen in Österreich ist mehr als Essen. Es ist eine Form des Zusammenseins und wie ein Geschichtsunterricht gleichzeitig aber auch ein Ausblick in die Zukunft. Der kulinarische Versuch, die Geschichte ins jetzt zu übertragen.
Lj: Und wie schmeckt Österreich für Sie?
Kaminer: Süß. Selbst beim Tafelspitz! Österreich ist so ein süßes Land. In Salzburg durfte ich in der Konditorei Fürst eigenhändig Original Salzburger Mozartkugeln formen - ein tolles Erlebnis.
Lj: In Deutschland haben Sie unter anderem das Kloster Eberbach besucht.
Kaminer: Vor 800 Jahren haben die damaligen Mönche damit begonnen, Wein herzustellen – und heute ist das Kloster Eberbach das größte Weingut Deutschlands. Dort habe ich die Welt im Wandel gesehen. Um die Artenvielfalt zu schützen, soll der Einsatz von Pestizieden verringert werden. Jetzt überlegen sie, wie die Mönche das vor 800 Jahren gemacht haben - damals, als es noch keine Pestzide gab. Vermutlich haben sie Laufenten zwischen den Reben laufen lassen. Aber damals wurden auch noch keine 1,5 Millionen Liter Weißwein pro Jahr hergestellt. Dafür bräuchte man heute somit eine Million Enten, die alle gefüttert werden müssten. Der deutsche Riesling, der Deutschland in der Welt so berühmt gemacht hat, steht also vor großen Herausforderungen.
Lj: Wo fühlen Sie sich kulinarisch zu Hause?
Kaminer: In den abgelegeneren Orten. Menschen auf dem Land essen qualitativ hochwertiger als in den Städten. Ich hatte selbst auch mal Hühner - die Eier schmeckten besser als die aus dem Supermarkt Da, wo Menschen überwiegend autark leben, eigene Tiere halten und selber Brot backen, da liegt für mich der Ursprung guten Essens.
„Sich auf die unterschiedlichen Sitten einlassen ist der beste Weg zur Völkerverständigung“